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FAB Geschäftsführerin Karin Frech: 50-Prozent-Quote notwendig Profession Unternehmerin: Podiumsdiskussion und BVMW Preisverleihung mit Brigitte Zypries

20.09.2018 | FAB


Altenstadt. Die Unternehmerinnen sichtbar zu machen, war die Intention einer Podiumsrunde, zu der der Bundesverband mittelständische Wirtschaft Unternehmerverband Deutschland e.V. (BVMW) in die Räume der Firma „Ille Papierservice“ nach Altenstadt eingeladen hatte. Wenngleich in Deutschland sogar etwas mehr Frauen als Männer leben, werden nur rund 20 Prozent der mittelständischen Unternehmen von Frauen geführt. Woran liegt das? Was können Politik, Unterneh-men und schließlich die Frauen selbst tun, um diese Quote ins Gleichgewicht zu bringen?
Brigitte Zypries, ehemalige Justiz- und später auch Wirtschaftsministerin, war Ehrengast des Abends. Sie erinnerte an das vor 100 Jahren von der Sozialistin Clara Zetkin vehement geforderte, allgemeine Wahlrecht für Frauen und die weiteren kleineren Schritte bis zur offiziellen, auch im Grundgesetz verankerten Gleichberechtigung. Doch die Gleichberechtigung auf dem Papier bedeute längst nicht die Gleichstellung der Frauen, verdeutlichte sie.
Je höher die Besoldungsgruppe, desto niedriger ist der Anteil an Frauen. Diesen Status Quo finde sie an Universitäten, in den Vorständen der Wirtschaft, den öffentlichen Verwaltungen oder auch in großen Orchestern, wo weibliche Führungs-kräfte fehlten. Ist das alles nur ein historisch bedingter, zäher Prozess? stellte Brigitte Zypries die rhetorische Frage.
Vermutlich nicht, denn: „Sowohl bei Google als auch bei Facebook sind 70 Prozent der Programmierer männlich, weiß und zwischen 30 und 40 Jahren. Das heißt, dass diese Männer unsere Zukunft bestimmen. Wir brauchen mehr Frauen.“ Zahlreiche wissenschaftliche Studien würden untermauern, dass Unternehmen, in denen die Vielfalt gelebt werde, erfolgreicher seien. „Warum rekrutieren Personalabteilungen und Aufsichtsräte gegen diese wissenschaftlichen Erkenntnisse?“ Die Antwort drückte sie in einem einfachen Satz aus: „Thomas stellt Thomas ein“. Das heißt, dass sich Geschäftsführer und Personalräte lieber ihr Spiegelbild in die Führungsetage holen als sich mit neuen Ideen oder Persönlichkeiten auseinanderzusetzen.
Quoten zum Beispiel im Bundestag, leistungsbezogene Mittelvergabe für Universitäten, die nachweislich Frauen fördern, ein starkes Personalmanagement und die Einsicht der Frauen, dass sie Männer als Verbündete brauchen, könnten helfen. „Wenn Gerhard Schröder nicht gesagt hätte, ‚Du machst das, Du kannst das’, wäre ich nicht Justizministerin geworden.“ Es stünde noch ein langer, mühsamer Weg bevor und es gelte, erfolgreiche Frauen sichtbar zu machen.
Fünf erfolgreiche Unternehmerinnen stellte Moderatorin Dr. Theresa Semler dem Publikum vor. Im Podium saß Karin Frech, seit zehn Jahren Geschäftsführerin der großen Bildungsträgerin „Frauen Arbeit Bildung“ in Friedberg und Mitinitiatorin des Abends. Zu ihrer Linken nahm Marion Gottschalk, Gastgeberin und Geschäftsführerin von Ille Papierservice aus Altenstadt, Platz. Olivia Dahlem, Geschäftsführerin des Modelabels „Coco Lores“ aus Frankfurt war gekommen, ebenso wie Olivia Bickerle, die Gründerin von „Doggiepack Hundefutter“ in Nidda und Christine Seger vom gleichnamigen Transportunternehmen aus Münnerstadt.
Ihr Unternehmertum ist Profession und Motivation zugleich. Es ist das Gefühl gestalten zu können, die eigenen Werte zu leben, den Kindern etwas zu hinterlassen und natürlich auch die zeitliche und finanzielle Freiheit zu genießen.
Für Karin Frech ist die gleiche Teilhabe eine Herzensangelegenheit, also Chancen für Menschen unabhängig ihres Geschlechts, ihrer Ausbildung, Kultur oder vielleicht ihrer nicht präsentierten Gleichförmigkeit zu bieten. „Ich plädiere für eine in alle Bereiche übergreifende 50-Prozent-Quote. Frauen sollten in sämtlichen Entscheidungsfunktionen vertreten sein. Das erfordert aber auch den Mut und die Entschlossenheit der Frauen.“
Dass Unternehmensgründerinnen insbesondere Mut bei der Kreditanfrage haben müssten, bestätigten Olivia Dahlem und Olivia Bickerle. Die Banken versagten beiden das benötigte Startkapital. Olivia Dahlem wich auf eine Art Crowdfunding aus. Olivia Bickerle, deren Umsatz im Vergleich zum Vorjahr nachhaltig gestiegen ist, steckte ihr privates, eigentlich als Altersvorsorge vorgesehenes Geld in ihr Start-Up. „Ein Bekannter riet mir, den Bankern das Blaue vom Himmel herunterzu-lügen. Dann kriegst Du das Geld.“ Und bei ihm habe es funktioniert, berichtete Olivia Dahlem. Olivia Bickerles Fazit: Frauen werden nicht neutral betrachtet und nicht ernst genommen. Das sei gesellschaftlich sehr fest verankert. Christine Seger, die sich während ihrer Lehrjahre unter Männern in der Werkstatt behauptet hatte, wollte dieser Aussage nicht uneingeschränkt zustimmen. Frauen seien durch ihre mütterliche Seite immer bemüht, dass es anderen gut gehe. „Dabei vernachlässigen wir uns selbst. Da ist mehr Selbstbewusstsein gefragt.“
Karin Frech wünschte sich mehr risikofreudige Frauen mit der Fähigkeit, mit Männern mitzumischen. „Die wirklich guten Geschäfte werden abends an der Theke gemacht. Steht eine Frau dabei, wird ihr sofort eine Affäre nachgesagt“, scherzte sie. Frauen in der Chefetage würden mehr Entscheidungen für ihr Geschlecht fällen. Wobei Karin Frech auch einräumte, dass Neid unter Frauen eine Hürde sein könne.
Eine Unternehmerin habe in der Männerwelt nicht nur Nachteile, empfand Marion Gottschalk. Das verdanke sie nicht nur ihrer Sachlichkeit, sondern auch ihrem Charme. Männer würden sich ihrer Ansicht nach mehr Zeit für eine Strategie im Vorfeld wichtiger Verhandlungen nehmen.
Was können Frauen anders machen? Für Olivia Dahlem sind die Authentizität und ein reales Wachstum wichtig. „Frauen haben die Möglichkeit, etwas mehr Menschlichkeit und Empathie in das Geschäftsleben zu bringen, sofern sie bei ihrer Weiblichkeit bleiben“, fasste Olivia Bickerle für sich zusammen. Für Karin Frech sind es die Pfeiler der Gemeinwohlökonomie, die Frauen mehr in den Vordergrund schieben sollten: Also darauf zu achten, dass alle in der Gesellschaft vom Wirken profitierten und man das Erwirtschaftete wieder reinvestiere. „Die Gewinnmaximierung ist der falsche Weg.“ Christine Seger fordert ihre männliche Führungsriege auf, auch mal wie eine Frau zu denken.
Elke Möller ist Unternehmerin des Jahres.
Zum vierten Mal wurde der Unternehmerpreis für den Wetteraukreis verliehen, wobei sich dieses Jahr nur Unternehmerinnen bewerben durften. Mit dem Preis sollen Persönlichkeiten für ihr herausragendes Engagement in Wirtschaft und Gesellschaft geehrt und ihre Vorbildrolle gewürdigt werden.
Nominiert waren Pia Tischer aus Nidda mit ihrer Softwareentwicklungsfirma „coveto“, Elke Möller von der Seniorenresidenz Bisses aus Echzell und Olivia Bickerle mit ihrer Firma „Doggiepack Hundefutter“ aus Nidda. „Die Entscheidung ist sehr knapp ausgefallen“, bemerkte Malu Schäfer-Salecker, Leiterin des BVMW Kreis-verbands Region Wetterau.
Der Preis ging in diesem Jahr an Elke Möller, die seit 1994 die Seniorenresidenz Bisses betreibt. Dort werden die stationäre Pflege, die Kurzzeitpflege und Verhinderungspflege angeboten. „Wir kümmern uns sehr intensiv um das Wohl der Be-wohner“, fasste die Preisträgerin zusammen. Dabei helfen ihr unter anderem 50 festangestellte Mitarbeiter/innen.

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