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FAB und NALA klären auf - Genitalbeschneidung nicht nur in Afrika

15.11.2017 | FAB


Rheuma, hoher Blutverlust, Schock, Unfruchtbarkeit, massive Genitalschmerzen, Depression, Kontaktangst, Tod. Das sind mögliche Folgen weiblicher Genitalbeschneidung. Eine schwere Menschenrechtsverletzung. Mädchen zwischen einem Jahr und 15 Jahren werden zerschnitten. Auch in Deutschland. Und als wäre das alles nicht schon genug Stoff zum Verzweifeln, wurde an diesem Abend klar gemacht, dass diese Körperverletzung nicht religiös motiviert ist, sondern über religiöse Grenzen hinweg stattfindet: meist von den Müttern der Kinder eingefordert! Entsetzen und Wut im Saal.

Karin Siegmann (Zweite Vorsitzende "NALA e.V. Bildung statt Beschneidung" und Frauenbeauftragte der Stadt Dreieich) stellte eine empirische Studie* vor mit dem Titel "Zur weiblichen Genitalverstümmelung in Deutschland 2017". Aufgrund der großen Flüchtlingsströme sollte das Thema auch in Europa präsenter werden, die FAB lud deshalb Netzwerker und Netzwerkerinnen zum Austausch.

Unicef schätzt die Zahl der Opfer weltweit auf 200 Millionen Kleinkinder, Mädchen und Frauen. Terre des Femme schätzt die Zahl der Opfer weltweit auf 400 Millionen. NALA bietet in Burkina Faso  Aufklärungsarbeit und Umschulungen für die Beschneiderinnen an. Männliche Beschneider gibt es nicht. Eine langwierige Arbeit, die Geld kostet, aber auch immer wieder Erfolge vorweisen kann.

Die Zahlen der Studie waren entsetzlich überraschend: 89% der Frauen in Ägypten sind beschnitten, 98% in Somalia, 26% im Senegal, im südlichen Afrika hingegen finden Beschneidungen nicht statt. Erklärungen wie diese Unterschiede zustande kommen kann auch die Studie nicht liefern. Genitalbeschneidung ist Tradition und in vielen Ländern per Gesetz verboten. Strafen werden zwar in manchen betroffenen Ländern verhängt, bei einer Analphabeten Rate von ca. 70 - 80% in Burkina Faso beispielsweise, ist es aber kaum möglich Verbote in den überwiegend ländlichen Regionen zu kommunizieren, geschweige denn durchzusetzen.

Das Publikum reagierte entsetzt, als Karin Siegmann erklärte, dass Beschneidungen immer früher durchgeführt werden, weil Kleinkinder sich schlicht noch nicht so sehr wehren können. In Deutschland lebende Mädchen werden entweder illegal in privaten Räumen beschnitten, oder von Ihren Familien zur Beschneidung ins Ausland gebracht. Die Befragung für die Studie in Deutschland hat jedoch ergeben, dass der Wunsch, die Töchter beschneiden zu lassen, mit der Dauer des Aufenthalts hier nachlässt. Druck macht die Familie im Heimatland, von den Müttern wird verlangt, dass sie ihre Töchter beschneiden lassen.

Eine Straftat und eine Menschenrechtsverletzung bei der auch hier in der Regel Frauen beteiligt sind, weniger die Männer. Wie kann das sein?

Das unermessliche Leid hat mit der Beschneidung kein Ende: Neben den genannten Spätfolgen ist es Praxis, dass beschnittene Frauen vor der Geburt eines Kindes aufgeschnitten werden, um sie dann nach der Geburt wieder zuzunähen - bis zur Geburt des nächsten Kindes.

Es ist gemeinhin bekannt, dass Traditionen im Ausland oftmals intensiver gelebt werden als es in den Herkunftsländern der Fall wäre. Ein Gefühl von Heimat wird so aufrechterhalten. Die Studie schätzt die Zahl der in Deutschland lebenden betroffenen Mädchen und Frauen ohne deutsche Staatsangehörigkeit auf ca. 48.000.

Karin Frech, Geschäftsführerin der FAB gGmbH, am Ende der Veranstaltung  sichtlich bewegt: "Es bleibt mal wieder das Gefühl, dass mehr getan werden muss. Aber diesmal ist es anders. Wir sprechen hier von Kleinkindern und Kindern, denen unermessliches Leid angetan wird von ihren Müttern und Verwandten. Das ist unerträglich. Die Rolle der FAB und aller Bildungsträger muss hier genutzt werden: Ein Verbot alleine stoppt diesen Wahnsinn nicht. Aufklärung und Prävention muss geleistet werden und das auch hier bei uns. Es kann nicht sein, dass kleine Mädchen und Frauen hier bei uns nicht sicher sind, weil es eine grausame Tradition so will. Mit Spenden alleine ist es nicht getan. Die Arbeit von Vereinen wie NALA muss massiv gefördert werden und gleichzeitig müssen wir sehr viel Aufklärungsarbeit leisten."

 

*Studie: Eine empirische Studie zu weiblicher Genitalverstümmelung in Deutschland , Daten-Zusammenhänge-Perspektiven. Autoren: Nestlinger, Jann; Fischer, Patrick; Jahn, Sandy; Dr. Ihring, Isabelle; Czelinski, Frauke. Herausgeber: integra (Netzwerk gegen weibliche Genitalverstümmelung), Freiburg 2017. Gefördert vom Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend.

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